Oktober 28, 2025

Exoskelett

Rückenschmerzen, Schulterbeschwerden und Muskel-Skelett-Erkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsausfälle in Deutschland. Insbesondere in Montage, Bau, Logistik oder Pflege sind Mitarbeitende täglich hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt. Hier kommen Exoskelette ins Spiel: tragbare Systeme, die Bewegungen unterstützen oder Lasten abfedern. Was in der Medizin bereits für die Rehabilitation von Querschnittgelähmten eingesetzt wird, verspricht in der Arbeitswelt eine spürbare Entlastung. Können Exoskelette jedoch wirklich dazu beitragen, die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen, oder sind sie aktuell eher ein unausgereifter Trend?

Was ist ein Exoskelett?

Wie der Name verrät (lat. ‚exo‘ für ‚außen‘), handelt es sich bei einem Exoskelett um ein äußerlich am Körper getragenes technisches Hilfsmittel, das die Bewegungen des Menschen unterstützt oder verstärkt. Exoskelette wirken daher wie ein zusätzliches „Gerüst“, das die Muskulatur entlastet und Höchstbelastungen (z. B. beim Heben, Tragen oder Arbeiten über Kopf) entgegenwirkt. Ein Exoskelett ist daher kein medizinisches Hilfsmittel im engeren Sinne, sondern eher ein ergonomisches Assistenzsystem im Arbeitsschutz oder in der Rehabilitation. Im Gegensatz zu Orthesen stabilisieren oder fixieren Exoskelette kein bestimmtes Körperteil, sondern unterstützen aktive Bewegungen.1 Sie fungieren also wie eine Art „Kraftanzug“. Unterschieden wird dabei zwischen zwei Arten solcher Kraftanzüge:

Passive Exoskelette (PAes)

    • funktionieren ohne Strom oder Motoren
    • nutzen Federn, Dämpfer oder mechanische Gelenke, um Lasten umzuleiten oder Muskeln zu entlasten
    • typisch im Arbeitsschutz (Industrie, Handwerk, Pflege)

Aktive Exoskelette (AEs)

    • mit Motoren, Sensoren und Energieversorgung.
    • können Bewegungen aktiv verstärken (z. B. Kraft beim Heben).
    • eher in Hightech-Bereichen (Medizinische Rehabilitation, Militär, Spezialproduktion).

  • Passive Exoskelette sind nicht nur stromunabhängig, sondern auch kostengünstiger und einfacher in der Handhabung. Daher werden sie in vielen Betrieben deutlich häufiger eingesetzt als AEs.

Anwendungsfelder von Exoskeletten

Die hauptsächlichen Anwendungsfelder von Exoskeletten sind v. a. Automobil- und Luftfahrtindustrie sowie Montagearbeiten. Exoskelette wirken ebenso in der Handhabung schwerer Werkzeuge oder Bauteile unterstützend. Überdies werden sie für Arbeiten über Kopf oder in gebückter Haltung eingesetzt (z. B. bei Dachmontage, Karosseriebau oder Elektromontage). Ziel ist eine Reduktion der Muskelbelastung (v. a. Rücken, Schulter, Nacken) sowie das allgemeine Vorbeugen von Überlastungsschäden und Ermüdung. Exoskelette werden in der Regel für eine spezifische Arbeitsaufgabe entwickelt, wobei rückenunterstützende Exoskelette (RuEs) vor allem für Tätigkeiten wie Heben oder statische Halteaufgaben eingesetzt werden können.2

Aktueller Wissensstand

Bisherige Studien zum Einsatz von rückenunterstützenden Exoskeletten (RuEs) untersuchen vor allem, wie sich deren Nutzung auf die Aktivität der Lenden- und Rückenmuskulatur auswirkt. Einige Forschungsarbeiten berücksichtigen zusätzlich Faktoren wie die Muskelermüdung, Veränderungen der Körperhaltung und Bewegungsabläufe während der Nutzung sowie die Belastung der Wirbelsäule, den wahrgenommenen Komfort und das subjektive Entlastungsempfinden. Natürlich kann die Forschung zum jetzigen Zeitpunkt noch keine klare Langzeitanalyse abgeben — dennoch beweisen bereits einige die hohe Entlastung physischer Belastungen im jeweiligen Körperbereich.34 Eine Studie zum Arbeitseinsatz von schulterunterstützenden Exoskeletten (SuEs) konnte die vollumfängliche Arbeitsentlastung bei in und über Kopfhöhe ausgeführten Tätigkeiten sowie die Reduktion der damit verbundenen Muskelbeschwerden bei Überbelastung nachweisen. 5 

Kosten und Finanzierungsmöglichkeiten

Die Kosten für passive Exoskelette variieren je nach Modell sehr stark. Schulterunterstützende Exoskelette liegen preislich bei ca. 2000 Euro, während sich RuES ungefähr im Preisrahmen zwischen 4.000 und 6.000 Euro netto bewegen.6 Einfachere Modelle, wie beispielsweise knieschonende Exoskelette, sind preislich etwas günstiger und können bereits ab 1.500 Euro erworben werden.7

Bezahlt die Krankenkasse mein Exoskelett?

Eine Übernahme durch die Krankenkasse wird in den meisten Fällen abgelehnt, da Exoskelette zum aktuellen Stand kaum im Hilfsmittelverzeichnis gelistet sind. Im Falle eines Arbeitsunfalls oder einer Berufserkrankung kann auch die Berufsgenossenschaft bzw. die Unfallversicherung einen Teil oder sogar die gesamten Kosten übernehmen, um eine Wiedereingliederung ins Berufsleben zu ermöglichen. In seltenen Fällen ist auch eine Finanzierung über die Rentenversicherung möglich, wenn beispielsweise eine akute Gefährdung der Erwerbsfähigkeit besteht.

Mögliche Nachteile der Exoskelette

Der langfristige Einsatz von Exoskeletten ist allerdings auch an Parameter gebunden, die den Arbeitsablauf womöglich behindern könnten: So muss das Exoskelett je nach Arbeitsumgebung mehrmals pro Schicht an- und abgelegt werden. Dieser zusätzliche Mehraufwand kann unter Umständen zu einer geringeren Akzeptanz und Tragebereitschaft führen. Im Rahmen einer Umfrage führten die Mitarbeitenden neben unvorteilhaftem Tragekomfort auch an, Bedenken bezüglich Hygiene zu haben, wenn die Anzüge von mehreren Personen genutzt würden.8

Ausblick

Warum das Thema Exoskelette so spannend ist, zeigt sich vor allem im symbolischen Gehalt: Wir erleben derzeit eine Wende, in der die Grenzen zwischen Ergonomie und Technologie verschwimmen. Bislang bedeutete Ergonomie am Arbeitsplatz eine Anpassung der Arbeit an den Menschen. Mit der Einführung von Exoskeletten ist nun aber eine Technik auf dem Markt, die den menschlichen Körper selbst unterstützt, was Prävention und Arbeitsgestaltung im Hinblick auf Arbeitssicherheit maßgeblich verbessert.  Trotzdem gilt zu betonen, dass Exoskelette kein Ersatz für Ergonomie sind, sondern als smarte Erweiterung gesehen werden müssen.

Was die Anwendung der Exoskelette betrifft, ist eine umfassende Kommunikationskultur das essenzielle Fundament für den alltäglichen Betriebsgebrauch. Durch die Einführung der passiven Exoskelette ist der Einsatz nun nicht mehr auf Großkonzerne wie die Automobilbranche beschränkt. Die leichten, passiven Exosuits sind inzwischen auch für Handwerk, Logistik oder Pflege bezahlbar und praxistauglich.

Exoskelette als Einstieg in digitale Ergonomieprävention

Insbesondere die passiven Exosuits können zum aktuellen Stand als Türöffner für „smarte Prävention“ mittelständischer Unternehmen gesehen werden. Sie liefern zunehmend objektive Daten über Belastungen am Arbeitsplatz und werden damit zum Bindeglied zwischen klassischer Ergonomie und digitaler Gesundheitsprävention.

Konkret bedeutet das, mithilfe der Sensoren Bewegungen, Muskelaktivität sowie Lastenverteilung objektiv messen zu können. Diese Daten zeigen, wann und wie stark Mitarbeitende körperlich beansprucht werden. Solche Messungen erlauben erstmals eine quantifizierbare Ergonomie statt rein subjektiver Einschätzungen.

Kombination mit Wearables oder KI-Analysen

Werden die Exoskelett-Daten mit Wearables wie beispielsweise Smartwatches, Pulssensoren oder KI-Systemen kombiniert, lassen sich Muster erkennen. So können z. B. frühe Anzeichen von Fehlbelastung, Ermüdung oder muskulärer Überbeanspruchung sichtbarer gemacht werden. KI kann diese Daten anonymisiert auswerten und präventive Empfehlungen ableiten.

Integration in Gefährdungsbeurteilungen und Gesundheitsprogramme

Die erhobenen Daten können in betriebliche Gefährdungsbeurteilungen einfließen und helfen, Belastungsschwerpunkte evidenzbasiert zu dokumentieren. So entsteht eine datenbasierte Grundlage für Präventionsmaßnahmen, die über Beobachtung oder Selbstauskunft hinausgeht.

  1. D. Kuhn, B. Freyberg-Hanl: Exoskelett: Therapiesystem oder Hilfsmittel zum Behinderungsuausgleich (2018) ↩︎
  2. Julia Riemer: Ergonomische Bewertung des Langzeiteinsatzes von passiven Exoskeletten in der Arbeitswelt (2024) ↩︎
  3. Mona Bär, Benjamin Steinhilber, Monika A. Rieger, Tessy Luger: The influence of using exoskeletons during occupational tasks on acute physical stress and strain compared to no exoskeleton – A systematic review and meta-analysis (2021) ↩︎
  4. Jin Tian, Baichun Wei, Suo Luo et al.: A Systematic Review of Occupational Shoulder Exoskeletons for Industrial Use: Mechanism Design, Actuators, Control, and Evaluation Aspects (2021) ↩︎
  5. Andreas Argubi-Wollesen:Entwicklung und biomechanische Evaluation eines
    körpergetragenen Unterstützungssystems (Exoskelett) für Arbeiten
    in und über Kopfhöhe (2021) ↩︎
  6. www.biomotproject.eu/exoskelette-preise-2025 (zuletzt abgerufen am 28.10.2025) ↩︎
  7. www.exxowear.com/pricing (zuletzt abgerufen am 28.10.2025) ↩︎
  8. Julia Riemer: Ergonomische Bewertung des Langzeiteinsatzes von passiven Exoskeletten in der Arbeitswelt (2024) ↩︎

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